Selbstliebe – der Schlüssel zur seelischen Gesundheit

Selbstliebe – ein Wort, das uns überall begegnet. In Büchern, Zeitschriften, in Vorträgen, Seminaren und ja, natürlich auch in der Psychotherapie. Welche tiefere Bedeutung verbirgt sich hinter diesem einfachen Wort? Wie fühlt sich Selbstliebe an? Wie praktiziert man sie? Ist sie gleichzusetzen mit Egoismus? Eine Gesellschaft aus sich selbst Liebenden mutiert zu einer narzisstischen Gesellschaft. Ist das wirklich so?

 Wie entwickelt sich Selbstliebe

Aus eigener Erfahrung, aus der Beobachtung der Entwicklung meiner Patienten und dem Leben an sich, kann ich nur sagen: Selbstliebe ist der Schlüssel zum wahren Glück aus sich selbst heraus, zur inneren Freiheit und Frieden. „Ich liebe mich selbst“ bedeutet, ich nehme mich selbst verständnisvoll, einfühlsam, zu 100 % bedingungslos an. Ich akzeptiere mich wertfrei, so wie ich bin – mit all meinen Stärken und Schwächen, meinem Inneren und Äußeren. Mein Inneres stellen z.B. meine Wahrnehmungen, meine Gefühle, Vorlieben, Wünsche, Träume, Bedürfnisse dar. Mein Äußeres, meinen Körper, mein Aussehen, meinen gesellschaftlichen Status.

Unsere Wahrnehmungen über uns selbst werden besonders stark von unseren Erfahrungen in Kindheit und Jugend geprägt, weil wir in dieser Zeit zu 100 % abhängig von unseren nahen Bezugspersonen sind. Erfahren wir uns in dieser Abhängigkeitsphase vollständig angenommen, durch bedingungslose Bindungssicherheit und Einfühlsamkeit, dann werden wir uns sozusagen unseres Selbstwertes bewusst: „Wir sind richtig und wertvoll, so wie wir sind“. Egal, wie wir aussehen, ob wir etwas tun oder nichts tun, gewinnen oder verlieren, ob wir lachen,  Freude ausstrahlen oder wütend, ärgerlich oder traurig sind. Wir entwickeln unser Fundament, uns selbst zu lieben, unser Bewusstsein, in Ordnung zu sein. Wir fühlen einen Reichtum und eine innere Freiheit in uns und gehen mit diesem Bewusstsein zufrieden, sozusagen seelisch gesättigt, in unser Erwachsenenleben.

Wir führen mit uns selbst und mit anderen glücklichere Beziehungen, sind widerstandsfähiger gegenüber den Stürmen des Lebens und äußeren Einflüssen, wie z.B. den sehr einflussreichen Medien und deren dargestelltes Bild, wie ein glückliches Leben auszusehen hat, was Erfolg bedeutet und wie man selbst zu sein und auszusehen hat, damit man in unserer Gesellschaft dazugehört und akzeptiert wird.

Mangelnde Selbstliebe mit ihren Folgeerscheinungen

Erleben wir unsere Abhängigkeitsphase bindungsunsicher und geprägt von wenig Einfühlsamkeit hinsichtlich unseres Selbst mit seinen einzigartigen Fähigkeiten, Bedürfnissen, Vorlieben, Wünschen, dann resultiert daraus ein Mangelbewusstsein, ein instabiles Selbstwertgefühl, was an Bedingungen geknüpft ist. „Wir sind nur richtig und wertvoll, wenn … Wir genügen nicht, egal, was wir tun oder wie wir sind.“

Da wir Menschen das seelische Grundbedürfnis haben, uns selbst vollständig wertvoll zu fühlen, entwickeln wir unter diesen Bedingungen Überlebensstrategien, unseren Selbstwert von außen zu nähren. So entwickeln wir uns als Erwachsene nicht aus unserer kindlichen natürlichen Abhängigkeit heraus. Wir behalten sie bei, weil unser inneres defizitäres Selbstwerterleben weiterhin, wie in Kindheit und Jugend, von den äußeren Bedingungen abhängig ist, z.B. von der Anerkennung, den Ansichten anderer, von den Wertedarstellungen der Medien, von der Bewunderung und Zustimmung des Partners, des Vorgesetzten. Wir entwickeln die Tendenz, uns stets und ständig mit anderen zu vergleichen, mit anderen in Konkurrenz zu gehen oder es ihnen gleich zu tun. Dies erzeugt Frustration „nie genug zu sein“. Wir begeben uns zunehmend, von einer Sucht getrieben, in ein Hamsterrad der Anpassung, Fremdbestimmung , des Machtstrebens, um uns zufrieden und glücklich zu fühlen, dazuzugehören, anerkannt und geliebt zu werden. Dies erzeugt Stress, Druck, Wut und Hass auf uns selbst und andere.

Dieses in uns wohnende Mangelbewusstsein und die sich daraus entwickelnde Sucht, es von außen in ein Reichtums-Bewusstsein umzuwandeln, trainiert unseren Blick nach außen, auf andere. Stattdessen verkümmert unser innerer Zugang, unser Blick auf uns selbst, wie ein Muskel, den man sehr lange nicht benutzt. Wir spüren demzufolge nicht unsere Liebe zu uns selbst, unsere eigenen Grenzen, wenn uns jemand wehgetan hat, uns ausnutzt, wir gehen darüber hinweg und verzeihen zu schnell, oder nehmen uns zurück. Wir spüren nicht unseren Wert, und deshalb glauben wir auch nicht, wenn jemand anderes uns zeigt, dass wir liebenswert sind. Wir können die Geschenke des anderen nicht annehmen, weil wir uns selbst nicht als Geschenk annehmen. Wir sind darauf konditioniert, uns unsere Liebe, unsere Anerkennung verdienen zu müssen. Dieses sich Liebe und Anerkennung verdienen müssen kann sich z.B. äußern in übermäßiges Helfen, so dass wir Gefahr laufen, zum hilflosen Helfer zu werden, oder wir werden zum Workoholic, oder wir verändern unseren Körper in Richtung der von den Medien hervorgebrachten und beworbenen Schönheitsideale. In allen 3 Fällen gehen wir achtlos, streng und letztendlich lieblos mit unseren eigenen körperlichen und seelischen Grenzen um bis hin zur akuten Gefährdung unserer körperlichen und seelischen Gesundheit.

Mangelnde Selbstliebe steht deshalb im Zentrum aller psychischen Erkrankungen: z.B. Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen, Depression, Ängste, Suchterkrankungen, Burnout-Syndrom.

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Mein Körper ist kein Schmuckstück, sondern ein Instrument!“

 

Der Weg zur Selbstliebe

Ziel ist es deshalb, das Mangelbewusstsein zu einem inneren Reichtums – Bewusstsein umzuwandeln, den Blick zu sich selbst, zu seinem Innern zu schulen, den verkümmerten mentalen Muskel der Innenschau zu trainieren, achtsam, einfühlsam, treu, verantwortungsbewusst und verbindlich für sich selbst zu werden, um dann automatisch ehrliche Einfühlsamkeit für andere entwickeln und praktizieren zu können.

Anstatt sich anzustrengen, wie wir es anderen recht machen können, sollten wir uns in unserem eigenen Leben zunächst fragen: Werde ich mir damit gerecht. Bin ich mir treu? Behandle ich mich respektvoll, kenne ich meine Grenzen, Bedürfnisse? Ist mein Inneres identisch mit meinem Äußeren? Sage ich ein Ja wo ich auch ein Ja meine?

Die Fähigkeit, Selbstliebe zu entwickeln, ist ein Prozess, der von uns eine bewusste Entscheidung erfordert, geduldig und verständnisvoll daran zu arbeiten.

Wir werden reich dafür belohnt, mit innerem Frieden in uns selbst, welcher sich in unseren äußeren Angelegenheiten über kurz oder lang widerspiegeln wird.

 

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